Kraniche in Niedersachsen

Das Sterben der Kraniche (Teil 2): Wo kommt die Vogelgrippe her?

Zu unserem Blogbeitrag zum Sterben der Kraniche haben wir viele Reaktionen bekommen. Und wir wurden nach den Ursachen der Vogelgrippe gefragt. „Hat es etwas mit der Massentierhaltung zu tun?“. Wir machen uns auf die Suche und kommen der Geschichte eines Virus auf die Spur.

Kranichformation am Himmel

Pandemie der Vögel: Die Natur schlägt zu?

In Prof. Dr. Bertholds Klassiker zur Vogelfütterung „Vögel füttern, aber richtig“ äußert er sich im Kapitel „Kranke oder tote Vögel“ auch zur Vogelgrippe. Er schreibt über den Zusammenhang von Wildtieren, Massentierhaltung und Epidemien:

„Ohne unsere Massentierhaltungen kämen Epidemien wie die heute aggressive Vogelgrippe gar nicht zustande und würden dann auch nicht sekundär durch Übertragung Wildvögel schädigen, die dann wiederum auch Hausgeflügel gefährden können.“ (S. 7)


Ich muss daran denken, was Hanka Mittelstädt, Brandenburgs Ministerin für Umwelt und Landwirtschaft, vor ein paar Tagen im rbb-Interview sagte: „Es ist die Natur, die da zuschlägt.“ Hat der Mensch also nichts mit der aviären Influenza zu tun, der Grippe, die von den Vögeln stammt?

Die Vogelgrippe bei Wildvögeln und Geflügel

Wer nur auf die heutige Situation blickt, kann diesen Eindruck gewinnen. Seit 2020 sind Gänse, Schwäne, Watvögel und Kraniche vermehrt an Vogelgrippe oder ihrer aggressiven Ausprägung, der Geflügelpest, erkrankt. Die Vogelgrippe verbreitet sich entlang der Routen der Zugvögel. Da die Routen sich überlappen und die Kadaver verendeter Tiere große Virusmengen freisetzen, werden immer weitere Vögel und immer mehr Arten infiziert. In den wenigen Tagen zwischen Infektion und Tod fliegen diese Vögel oft noch einige hundert Kilometer, das Virus verbreitet sich in Windeseile.

Mit dem herbstlichen Vogelzug wächst für Geflügelhalter deshalb die Sorge um ihre Hühner, Enten, Gänse und Puten. Wenn beispielsweise infizierte Wildvögel die gleiche Wasserstelle nutzen wie Gänse in Freilandhaltung, hat das Grippevirus leichtes Spiel. Aber auch in geschlossene Stallungen hinein gibt es eine Vielzahl möglicher Einschleppungswege. Das Friedrich-Loeffler-Institut benennt „Personen- und Fahrzeugverkehr, Waren, Futter und Wasser“ als Risiken, aber auch die Einstallung von Tieren aus der Freilandhaltung. In diesem Jahr brach bereits im September in verschiedenen Mast, Zucht- und Legehennenbetrieben in Deutschland die Vogelgrippe aus. Der Vogelzug hatte noch nicht begonnen, die Infektionswege sind ungeklärt.

Wer aber nicht aktuelle Ansteckungswege, sondern die Ursachen der Vogelgrippe verstehen will, muss weiter in die Vergangenheit gehen. Informationen dazu finden wir unter anderem bei der ZEIT. Und landen damit schließlich doch beim Menschen.

Harmlos für Jahrmillionen

Ungefährliche Varianten des Erregers, der heute in einer mutierten Form die Geflügelpest auslöst, sind schon seit Millionen von Jahren weit verbreitet. Wilde Wasservögel, die mit dem Virus in Kontakt kamen, hatten meist keine oder nur milde Symptome. Sie blieben jedoch ein Reservoir für das Virus, das heißt, sie trugen das Virus in sich, das eine neue Infektion auslösen oder zu anderen Varianten mutieren kann.

Grippeviren sind allgemein sehr mutationsfreudig, aber erst, als das Virus in den 1990er-Jahren in riesige chinesische Geflügelfarmen gelangte, konnte dort durch Mutation eine hochpathogene Variante entstehen: stark ansteckend und mit einer Sterblichkeit von bis zu 100 Prozent. Diese Variante wurde aus den Geflügelfarmen heraus wieder zurück auf die Wildvögel übertragen. Seitdem verbreiten Wildvögel entlang ihrer Zugrouten um den Globus ein Virus, das Tieren in der Natur sowie in den Ställen gefährlich wird.

Zusammengefasst: Es liegt zwar in der Natur der Vögel, sich in großen Scharen zusammenzufinden und auf Rastplätzen entlang der Zugrouten eng zusammenzurücken. Aber es brauchte erst die Bedingungen der massenhaften Haltung in industriellen Geflügelfarmen –zehntausende Tiere mit einem empfindlich gewordenen Immunsystem auf engstem Raum in einem feuchten, warmen Stallklima –, damit eine lebensbedrohliche Variante der Vogelgrippe entstehen konnte, die Geflügelpest.

Der erste Ausbruch fand 1996 in China statt. Nachdem eine Million Hühner getötet wurden, glaubte man, die Gefahr einer weiteren Ausbreitung gebannt zu haben. Ein Irrtum. Eine Infektionskette zwischen Wild- und Nutztieren scheint seitdem in beide Richtungen unauflösbar. In Deutschland wurde der Erreger im Jahr 2006 in hunderten verstorbener Singschwäne nachgewiesen. Inzwischen ist die mutierte Variante des Virus H5N1 fast auf der ganzen Welt verbreitet – mit katastrophalen Folgen. Auf Rügen sterben Nestlinge von Seeadlern, in Afrika erkranken Flamingos, Pelikane und Geier und in der Antarktis sind ganze Pinguinpopulationen gefährdet.

Dass der Eurasische Kranich noch vor 50 Jahren in Deutschland vom Aussterben bedroht war, hatte nichts mit der Vogelgrippe zu tun. Grus grus (so der lautmalerische lateinische Name) litt vor allem am Verlust von Mooren und Feuchtgebieten. In den 1970er Jahren gab es nur noch 800 Brutpaare in Deutschland. Der Kranich wurde erfolgreich unter Schutz gestellt: Wiedervernässungsmaßnahmen, der Schutz der Brutgebiete und viel ehrenamtliches Kranich-Engagement leiteten eine Trendwende ein. Fast 11.000 Paare brüten wieder in Deutschland, vor allem in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg.

In dieser Erfolgsgeschichte des Naturschutzes ist die aktuelle Geflügelpest ist ein trauriger Rückschlag. Hoffentlich werden wir weiterhin im Frühjahr Formationen von Kranichen am Himmel als Glücks- und Frühlingsboten begrüßen!

Kranich-Formation am Himmel

Fotos: Kraniche an Land: © Peter Schubert, https://www.flickr.com/photos/stechfliege; Kraniche am Himmel: © www.klaras-verlag.de



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