2024 schlugen niederländische Forscher Alarm: Sie hatten Vogelfutterproben analysiert und eine erhebliche Pestizidbelastung entdeckt. 2025 wiederholten sie ihre Untersuchung und auch Verbraucherschützer aus Österreich nahmen Vogelfutter unter die Lupe. Welche Pestizide wurden nachgewiesen? Wie gefährlich ist es, wenn Vögel an der Futterstelle belastete Körner und Samen aufnehmen? Und was können Sie tun, um sich keine Ewigkeitschemikalien in den Garten zu holen?
Pestizide im Vogelfutter
Vogelfutter im Test
Österreich
Die Arbeiterkammer Österreich, zu deren Aufgaben auch der Verbraucherschutz gehört, hat Anfang 2026 in Kooperation mit DIE UMWELTBERATUNG zehn Vogelfuttermischungen analysiert.
Deltamethrin, Pirimiphosmethyl, Chlorpyrifos und Difenoconazol – Rückstände unter anderem dieser Pestizide waren es, die in vier von zehn der Produkten nachgewiesen wurden. Alle diese Chemikalien gelten als umweltgefährlich und teilweise als gesundheitsschädlich; die gemessenen Mengen reichten fast bis an die Grenzwerte für Lebensmittel heran. Mehr dazu, wie der Wildvogelbestand durch solche Pestizide leidet, beschreiben wir weiter unten.
Niederlande
Die niederländische Sektion des international tätigen PAN (Pestizid Aktions-Netzwerk) hatte 2024 viel Aufsehen erregt, als sie die Ergebnisse ihrer Stichprobenanalysen von neun Futtermittelprodukten (darunter ein Bio-Produkt) an die Öffentlichkeit brachte: Alle konventionellen Vogelfutterproben waren mit verschiedenen Rückständen belastet, beispielsweise mit den Insektiziden Piperonyl-Butoxid (in Deutschland nicht zugelassen) und Deltamethrin, das in den Hormonhaushalt von Wildvögeln eingreift.
Eine Futtermischung war gleich mit vier verschiedenen Insektiziden belastet, darunter das in der EU verbotene Chlorpyrifos-methyl.
Das getestete Bio-Vogelfutter war als einziges Produkt frei von Pestizidrückständen.
Ende 2025 wurde die Untersuchung mit 13 Futterproben wiederholt. Das Ergebnis zeigt positive wie negative Veränderung. Positiv: insgesamt ging die Pestizidbelastung zurück. Neu war, dass zwei Hersteller, die Saaten aus konventionellem Anbau verarbeiten, rückstandsfreie Produkte hatten. Pestizidfreies Vogelfutter ist möglich! Die anderen konventionellen Vogelfuttermischungen und Meisenknödel im Test waren allerdings weiter mit Insektizidrückständen belastet, insbesondere mit Pirimiphos-methyl und Deltamethrin. Hier deckt sich der Befund mit den Ergebnissen der österreichischen Stichprobenauswertung, obwohl unterschiedliche Vogelfutterprodukte untersucht wurden.
Nicht verschweigen wollen wir, dass diesmal bei einem von zwei getesteten Bio-Produkten eine Schadstoffbelastung nachgewiesen wurde. Hier wird angenommen, dass die Belastung des Futters aus einer Behandlung der Lagerräume gegen Schädlinge herrührt und nicht auf dem Feld verursacht wurde. Wir vom Rasmus setzen ausschließlich auf natürliche Methoden, um Schädlingsbefall zu verhindern: Die Giftspritze kommt uns nicht ins Lager.
Neue Gefahr: PFAS-Rückstände im Vogelfutter
Leider zeigt sich auch eine negative Entwicklung bei den niederländischen Vogelfutterprodukten. Seit Jahren sind immer mehr PFAS-Pestizide im Einsatz – dieser traurige Gifttrend schlägt sich auch beim Vogelfutter nieder, denn erstmals fand das PAN-Team PFAS-Rückstände. Insgesamt wurden fünf verschiedene Pestizidwirkstoffe nachgewiesen, zwei davon sind PFAS-Pestizide.
Ob Skiwachs, Pfanne oder Pizzakarton: Vielen Menschen ist inzwischen bewusst, wie viele Gebrauchsgegenstände mit PFAS-haltigen Imprägniermitteln versetzt sind. Ihre hohe Stabilität mag in vielen Anwendungen praktisch sein, für Natur und Gesundheit ist sie fatal, denn PFAS werden auch nach Jahrhunderten nicht komplett abgebaut. Deshalb werden sie Ewigkeitschemikalien genannt: Es ist kein Ende ihrer Auswirkungen auf Hormonsystem, Fruchtbarkeit und Immunsystem abzusehen.
Weniger bekannt ist, dass die Eigenschaften von PFAS immer häufiger in chemisch-synthetischen Pestiziden genutzt werden. Ihre Langlebigkeit machen PFAS für den Anbau überzüchteter Hybridsorten in Monokultur so attraktiv, denn so können mit Pestiziden lang andauernd sogenannte Schädlinge getötet oder Pilzbefall und Krankheiten abgewendet werden. Leider gilt auch hier: Die Langlebigkeit gilt genauso für erwünschte wie unerwünschte Wirkungen, für Schädlinge genauso wie für sogenannte „Nichtzielorganismen“ wie zum Beispiel Vögel oder Menschen. Und dabei sind die meisten Folgewirkungen für unsere Ökosysteme noch unerforscht, wenn sich PFAS in Böden anreichern und sich über den Wasserkreislauf in unseren Seen, Flüssen, Meeren und Regenpfützen verbreiten.
So gefährden Pestizide Wildvögel
Wir vom Rasmus hatten uns bisher vor allem mit den indirekten Auswirkungen von Ackergiften auf die Wildvögel beschäftigt: All die Wirkstoffe, die synthetisiert wurden, um für den Schutz bestimmter Pflanzen viele andere Pflanzen und Tiere auszuradieren. Uns ging es vor allem um Herbizide und Insektizide, die die Vogelwelt hungern lassen, indem sie Agrarflächen (und leider auch viele Gärten) in ackerkräuter- und weitgehend insektenfreie Zonen verwandeln.
Wir fanden diese Zusammenhänge so verheerend, dass für uns klar war, ausschließlich Vogelfutteringredienzien aus biologischem Anbau zu nutzen.
Und nach wie vor sind wir darüber erstaunt, dass die großen Naturschutzverbände in diesem Punkt anders entscheiden und in ihren Shops deutlich mehr konventionelles Vogelfutter als Biovogelfutter anbieten.
Erst die aktuellen Veröffentlichungen zu pestizidbelastetem Vogelfutter haben für uns die Frage aufgeworfen, wie sich all die Mittel gegen Kräuter, Insekten, Pilze, Schnecken, Milben und Nagetiere direkt auf die Vogelwelt auswirken. Was passiert, wenn Vögel mit Samen und Nüssen nicht nur Energie und Nährstoffe aufnehmen, sondern einen Chemiecocktail gleich mit?
Wir haben uns beispielhaft mal ein Pestizid etwas genauer angesehen, dessen Rückstände bei beiden Futtermitteluntersuchungen (in Österreich und den Niederlanden) besonders ins Gewicht fiel.
Deltamethrin
Deltamethrin ist ein Insektizid, das auch oft für Hunde verwendet wird, um sie vor Flöhen oder Zecken zu schützen (weshalb es wichtig ist, dass Vögel in ihren Nestern keine Hundehaare einbauen können!). Auf Äckern soll Deltamethrin Kartoffeln, Getreide, Raps und Rüben vor Insektenbefall schützen.
Wir finden es erhellend, an dieser Stelle ein bisschen tiefer in die Sprache der Pestizid-Klassifizierungen einzusteigen. Deltamethrin gilt für Vögel als „praktisch ungiftig“ – klingt vertrauenerweckend, heißt aber nur, dass Vögel nicht gleich tot umfallen, wenn sie das Insektizid aufnehmen.
Stattdessen greift Deltamethrin aber tief in den Hormonhaushalt ein, in Fachtexten wird das als endokrine Disruption (ED) beschrieben. Wie viele Eier legt ein Vogel, wie viele Jungvögel schlüpfen und wie viele davon werden erfolgreich flügge? Diese Parameter des Fortpflanzungserfolges werden durch hormonell wirksame Pestizide wie Deltamethrin stark beeinflusst. Beeinträchtigt werden beispielsweise die Hormone der Schilddrüse und der Geschlechtsorgane, deren Zusammenspiel für die Fortpflanzung entscheidend ist. Hormonelle Effekte werden bei der Zulassung von Pestiziden jedoch kaum berücksichtigt.
Die Auswirkungen verschiedener hormonwirksamer Pestizide in Bezug auf Wildvögel (darunter die Gruppe der Pyrethroide, wozu Deltamethin gehört) beleuchtet ausführlich diese Studie aus dem Jahr 2024.
Wir sollten uns darüber klar sein, dass Vogelsterben nicht vorwiegend bedeutet, dass Vögel sich an Fensterscheiben das Genick brechen, von Autos überfahren oder oder von Katzen erlegt werden (wenngleich auch das große Probleme sind), sondern dass ein großer Anteil darin liegt, dass erfolgreiche Bruten ausbleiben. Die direkten und indirekten Folgen von Ackergiften treffen sich hier: Pestizide dezimieren einerseits das Nahrungsangebot vor allem für den Nachwuchs, der auf Insekten angewiesen ist. Insektizide, Herbizide und Co. stören andererseits den Hormonhaushalt der Vögel und gefährden damit die Fortpflanzung.
Und die Konsequenzen für die Vogelfütterung?
Mich schüttelt’s bei dem Gedanken, dass viele Menschen aus Vogelliebe ihre Futterstelle bestücken und unbeabsichtigt mit Pestizidrückständen im Futter die Vogelwelt gefährden könnten.
Wir hoffen, dass die Gefahren von Pestiziden endlich klar benannt werden und dies zu einem Umdenken in der Landwirtschaft führt, hin zum biologischen Anbau. Und wir hoffen, dass auch in Deutschland Untersuchungen zu Qualität und Pestizidrückstände im Vogelfutter folgen. Falls Ihr hierzu bereits Analysen kennt, freuen wir uns über Eure Heinweise! Einstweilen bleibt uns, mit der Quintessenz des Pestizid Aktions-Netzwerk, Sektion der Niederlande, zu schließen. Die PAN NL empfiehlt den Verbrauchern:
„Bevorzugen Sie biologisch erzeugte Vogelsaat oder stellen Sie selbst eine Futtermischung aus biologisch erzeugtem Getreide und Saatgut zusammen.“
Titelbild:
Eine selbstfahrende landwirtschaftliche Feldspritze zum Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln. (c) Josephine-v-G, CC BY-SA 4.0
